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Der ADHS-Eisberg

Stell dir einen Eisberg vor. Ein riesiges, eindrucksvolles Gebirge aus schimmerndem Eis, das stolz aus dem Wasser ragt. Was du dabei allerdings nicht siehst, ist der weitaus größere Teil, der unter der Wasseroberfläche verborgen bleibt.


Genau das versucht der ADHS-Eisberg zu veranschaulichen. Der sichtbare Teil ist das, was andere Menschen leicht als Symptome von ADHS erkennen. Dabei fallen den meisten Menschen vor allem die Dinge auf, die nicht gut funktionieren: Zum Beispiel hast du etwas zum wiederholten Mal vergessen oder du schiebst Aufgaben endlos auf oder du warst nicht pünktlich bei einem Termin.


Doch unter der Oberfläche liegt der weitaus größere Teil, die verborgenen Herausforderungen und Eigenschaften, die von außen kaum erkennbar sind, aber deinen Alltag stark beeinflussen. Und hier finden sich auch die Stärken von ADHS, die nicht immer zum Vorschein kommen und allzu oft ungenutzt bleiben, aber sie sind da, genau wie der riesige Teil des Eisbergs, der tief im Wasser liegt.


Der ADHS-Eisberg beschreibt im kleineren oberen Teil, welche Eigenschaften von ADHS andere sehen können: Unruhe, Unaufmerksamkeit, Kreativität, Prokrastination, Impulsivität, Unpünktlichkeit, Humor. Der größere untere Teil des Eisbergs, beschreibt, welche Aspekte von ADHS andere Menschen eher nicht sehen: Problemlösungen, Anpassungsfähigkeit, Neugierde, Einsamkeit, Flexibilität, Emotionales Chaos, Selbstkritik, Kontrollverlust, Versagensangst, Erschöpfung, Mentale Überlastung, Resilienz, Intuition, Schlafstörungen, Angst vor Zurückweisung, Gedankenkarussell, Entscheidungsparalyse, Selbstreflexion, Langeweile, Beziehungsprobleme, Reizüberflutung, Vorstellungskraft, Risikobereitschaft, Scham, Identitätskrise, Perfektionismus, Hyperfokus, Empathie usw.

Der sichtbare Teil des Eisbergs: Was andere sehen


Es kann sich so anfühlen, als würde jeder sofort sehen, wie ADHS deinen Alltag prägt. Welche Dinge dir ganz leicht fallen (Hurra, ein neues aufregendes Hobby!) und in welchen Momenten du dich wie Sisyphus fühlst, der eine schier unlösbare Aufgabe bewältigen soll (endlose Berge von Wäsche). Vielleicht fühlst du dich manchmal unaufmerksam, chaotisch, impulsiv und merkst, dass andere es auch sehen.


Die "offensichtlichen" Symptome von ADHS oder anderen neurodivergenten Profilen, kommen oft in Momenten zum Vorschein, in denen du Dinge anders tust als die Mehrheit. Und da ADHS sich so individuell ausprägt und jeder ADHSler einen anderen Umgang damit entwickelt, lassen sich die Symptome kaum verallgemeinern. Tragen wir trotzdem einige Beispiele zusammen.


Stärken, die sichtbar werden können:


  • Kreativität und Innovation: Du hast die Fähigkeit, neue und unkonventionelle Lösungen zu finden. Deine Gedanken springen von Idee zu Idee und plötzlich bist du bei einer innovativen Lösung angekommen, die andere überrascht und erstaunt.


  • Enthusiasmus und Leidenschaft: Wenn du für etwas brennst, bringst du eine Leidenschaft mit, die ansteckend ist. Du bist engagiert und setzt dir anspruchsvolle Ziele und kannst andere mit deiner Energie motivieren und mitreißen.


  • Humor: Du bringst Schwung in jede Runde, denn gute Laune und Humor mögen fast alle Menschen. Dein Gehirn sieht unsichtbare Verbindungen und das ist die wichtigste Zutat, wenn es darum geht, andere zum Lachen zu bringen.


Schwächen, die leicht auffallen können:


  • Unpünktlichkeit und Zeitmanagement: Es fühlt sich an, als ob du ständig gegen die Uhr antrittst. Du hast deinen Plan, aber irgendwie ist es doch immer zu wenig Zeit für zu viele Verpflichtungen und Aufgaben. Verpasste Fristen und zu spätes Erscheinen bei Terminen sind nur ein Ausschnitt deines Kampfes mit der Zeit.


  • Unaufmerksamkeit und Konzentrationsschwierigkeiten: Du sitzt im Meeting oder beim Abendessen, deine Gedanken sind plötzlich irgendwo anders, und du weißt nicht, wie du die Fäden wieder aufnehmen sollst. Du bist nicht faul oder uninteressiert, du bist abgelenkt, was leider zu wenige Menschen unterscheiden können.


  • Prokrastination und Aufschieberitis: Du schiebst Dinge immer wieder auf. Du weißt, dass du etwas erledigen musst, aber es fehlt der entscheidende „Kick“, die Aufgabe endlich anzupacken.


  • Impulsivität: Der Tag war lang, deine Zündschnur ist entsprechend kurz und ein kleiner Konflikt lässt dich blitzschnell aus der Haut fahren. Oder du tust unüberlegte Dinge, die deiner Gesundheit oder deinem Geldbeutel nicht gerade zuträglich sind. Mit anderen Worten: Du schaffst es kaum, dich bei manchen Dingen selbst zu bremsen, so sehr du es auch möchtest.



Der unsichtbare Teil des Eisbergs: Was du fühlst, aber andere nicht sehen


Und dann gibt es da noch die zahllosen unsichtbaren Aspekte von ADHS, die nur du selbst wirklich kennst. Es sind die schwer zu erklärenden Muster im Denken und Wahrnehmen, die von außen kaum erkennbar sind, aber deinen Blick auf die Welt prägen. Du spürst vielleicht Dinge, die andere nicht wahrnehmen, oder du verzweifelst daran, dass deine Denkweise gerade mal wieder nicht zu den äußeren Anforderungen passt. Einige Beispiele:


Stärken, die wenige sehen:


  • Empathie und emotionales Verständnis: Deine hohe Sensibilität für die Gefühle anderer Menschen kann dir ermöglichen, starke und tiefgehende Verbindungen zu anderen aufzubauen. Du verstehst auf einer emotionalen Ebene, was andere denken und brauchen.


  • Hyperfokus: Wenn du dich einmal auf eine Aufgabe eingelassen hast, kannst du darin völlig aufgehen und in einem Zustand der absoluten Konzentration arbeiten. Du wirst zur besten Version deiner selbst, wenn dich eine Aufgabe wirklich fesselt.


  • Ausdauer: Obwohl du oft gegen dich selbst ankämpfst, bist du in der Lage, dich immer wieder aufzuraffen, um die Dinge zu erledigen. Deine innere Motivation ist oft enorm, auch wenn es nach außen hin nicht so aussieht.


  • Schnelligkeit und Effizienz: Manche Aufgaben erledigst du schneller als andere, weil du dich auf Dinge stürzen kannst, die dich interessieren, und sie mit einem Elan angehst, den viele als außergewöhnlich empfinden.


Schwächen, die wenige sehen:


  • Kognitive Überlastung: Dein Gehirn läuft oft auf Hochtouren und wird dabei von Gedanken und Informationen überschwemmt, die selten wirklich Platz zum Atmen haben. Deine Gedanken rasen, aber irgendwie kommen sie nicht klar auf den Punkt.


  • Selbstkritik und Scham: Du machst dir vielleicht Vorwürfe für Fehler, die dir passieren, obwohl du weißt, dass du dein Bestes gibst. Aber es fühlt sich nie genug an. Du wertest dich selbst ab, sogar in deinen erfolgreichsten Momenten.


  • Emotionale Achterbahn: Deine Gefühle können sich schneller drehen als ein Karussell. Manchmal bist du euphorisch und voller Ideen, im nächsten Moment erschöpft und überwältigt oder sogar wütend. Diese emotionale Achterbahn ist nicht leicht zu stoppen, und das kann dich sowohl im Beruf als auch in privaten Beziehungen belasten.


  • Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung: Du brauchst vielleicht besonders lang oder bist besonders schnell, wenn es darum geht, Informationen zu verarbeiten und eine Entscheidung zu treffen. Was andere in Minuten erledigen, kann bei dir Stunden dauern (oder andersherum!), weil dein Gehirn die Informationen anders aufnimmt und filtert. Anstrengend ist beides.



Wie du mit deinen unsichtbaren ADHS-Eigenschaften umgehen kannst


Es gibt Wege, wie du mit den unsichtbaren Symptomen von ADHS umgehen und dafür sorgen kannst, dass sie dich nicht überlasten. Je besser du dich selbst zu verstehst und deine Stärken, Eigenheiten und Bedürfnisse kommunizieren lernst, umso einfach wird ein positiver Umgang mit ADHS, sowohl für dich selbst als auch in Gemeinschaft mit anderen.


  1. Sprich offen über deine Herausforderungen: Es ist nicht immer einfach, über die eigene Neurodivergenz zu sprechen, besonders wenn du das Gefühl hast, dass die meisten Leute keine Ahnung haben, was es bedeutet, mit ADHS zu leben. Aber wenn du die Herausforderung benennst, machst du einen ersten Schritt, um mehr Verständnis zu bekommen. Ein einfaches: „Das ist für mich gerade eine Herausforderung und ich brauche Unterstützung dabei“ kann Wunder wirken.


  2. Setze Prioritäten und teile deine Energie: Du kannst nicht alles gleichzeitig machen. Erkenne an, dass du dich nur auf wenige Dinge gleichzeitig konzentrieren kannst und dass es wichtig ist, deine Energie für die wichtigsten Aufgaben zu sparen. Teile deine Zeit und deine Aufgaben in kleine, machbare Einheiten.


  3. Erkenne deine eigenen Stärken an: Du bist kreativ, empathisch und kannst Dinge erledigen, die für andere undenkbar sind. Achte auf diese Momente des Erfolgs und baue darauf auf, anstatt dich nur auf die Dinge zu konzentrieren, die nicht klappen.


  4. Sorge gut für dich selbst: Gönn dir regelmäßig Pausen, atme durch und erkenne, dass du auch dann erfolgreich bist, wenn du nicht immer alles perfekt machst. ADHS bedeutet nicht, dass du weniger wert bist, es bedeutet, dass du dein Leben so gut es geht nach deinen Stärken ausrichten musst.


Du bist mehr als der sichtbare Teil des Eisbergs


Der sichtbare Teil von ADHS – die Unaufmerksamkeit, die Impulsivität oder die Verplantheit – ist nur ein kleiner Teil dessen, was in dir steckt. Der unsichtbare Teil, mit all seinen unerkannten Stärken und inneren Herausforderungen ist wahrscheinlich der prägendere Teil. Er ist das, was dich zu einem einzigartigen, besonderen, wertvollen Menschen macht.


Stell dir vor, du könntest dich selbst in all deiner Tiefe anerkennen, mit all deinen Herausforderungen und Stärken. Du könntest hinuntertauchen und die ganze Kraft und das Potential von ADHS und Neurodivergenz spüren. All deine Eigenschaften annehmen, akzeptieren und irgendwann auch wirklich wertschätzen. Dann beginnst du, für dich selbst einzutreten, Scham oder Selbstzweifel loszulassen und inneren Frieden und Erfolg zu finden.


Wenn du bereit bist für diesen Tiefgang, dann ist Coaching vielleicht das Richtige für dich.




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